Das „letzte Mal“ (Vorsicht, ernstes Thema mit offenem Ende)

Lillie liest ihren Sommerkrimi. Der DonnerstagsMordClub von Richard Osman. In einem englischen Altersheim kommen jeden Donnerstag ein paar Senioren zusammen und lösen Kriminalfälle, indem sie die Skills anwenden, die sie in ihrem aktiven Berufsleben zu nutzen wussten. Elisabeth, die ehemalige Spionin, und Ibrahim, der Psychiater, dazu Joyce, die Krankenschwester, und Ron, der Gewerkschafter. Was als Zeitvertreib beginnt, wird bald bitterer Ernst, als tatsächlich zwei Morde im Altersheim geschehen, die die Bewohner aufklären.

Unterhaltsame Sommerlektüre, wären da nicht die kleinen Dinge, die Lillie zum Nachdenken bringen. Die sie so beschäftigen, dass sie manchmal nachts nicht schlafen kann. Alter, Abschied nehmen, körperliche Gebrechen … das wird alles nicht verschwiegen in diesem sonst so unterhaltsamen Buch. Und die Tagebucheinträge von Joyce, die so unbedarft daherkommt, so unschuldig, so unsichtbar wie eine graue Maus, sind die schlimmsten für Lillie. Denn Joyce sagt, wie es wirklich ist.

Einmal beschreibt die Seniorin  ihren letzten Ausflug ins Kino mit ihren Mädels. Zu viert sind sie da regelmäßig hingefahren. Mit dem Vorstadtzug in ihr Londoner Kino. Und auf dem Weg zurück in‘s Alterheim haben sie Gin Tonics aus der Dose geschnasselt, die sie sich am Bahnhof geholt hatten. Joyce erzählt: „Außer mir sind alle tot. Zweimal Krebs, ein Schlaganfall. Keine von uns hat geahnt, dass Jersey Boys unser letztes Mal sein würde. Wann man etwas zum ersten Mal macht, weiß man immer, nicht wahr? Aber fast nie, wann es das letzte Mal ist.“

Das unbemerkte letzte Mal … das stimmt … Lillie wird nachdenklich. Ich weiß noch genau, mit wem ich zum ersten Mal geknutscht habe, und wo das war, und so etwa in welchem Jahr und zu welcher Jahreszeit (Gartenparty, in den 1980ern). Aber erinnere ich mich an den letzten Kuss mit meinem ersten Freund? Nein, denn ich wusste nicht, dass es der letzte war. Das erste Mal Sex, klar, da weiß ich sogar noch das Datum (verrate ich jetzt nicht). Aber das letzte Mal Sex mit … sagen wir mit dem Mann, der mit im vergangenen Jahr mein Herz gestohlen hat … keine Ahnung. Logischerweise kann ich mich an die letzten Worte erinnern, die wir voller Wut gewechselt haben, bevor ich nachts meinen Koffer schnappte und den Zug nach Hause nahm. An sein zorniges Gesicht. An meinen Ärger, aber auch an das kleiner Gefühl von Erleichterung, als ich durch die dunkle Stadt zum Bahnhof lief, dass der Stress jetzt endlich vorbei war. Aber wie war unsere letzte Liebesnacht? Und wann? War sie liebevoll … ereignisreich … erfüllend … ? Lillie kann sich nicht erinnern. Und auch nicht an die letzte Nacht mit ihrem Ex-Mann, das letzte Gespräch mit ihrem verstorbenen Vater, das letzte Telefonat mit der Freundin, die sich danach nie wieder gemeldet hat.

Das letzte Mal geht unter im Alltag. Im Fluss des Lebens. Weil wir nicht merken, dass hier ein Einschnitt ist. Es soll ja Menschen geben, die sich eine letzte Liebesnacht gönnen, auch wenn sie sich trennen wollen. Hermann Hesse schreibt davon. Aber Lillie hat das nie geschafft. Nun ja.

Was folgt daraus? Lillie ist ratlos. Jeden Tag so leben, als ob es der letzte wäre. Klingt toll und wahr, aber wer kann das schon? Sich jedes Mal so vom Liebsten verabschieden, als ob man sich zum letzten Mal sieht? Ein hehrer Wunsch, wenn man vor lauter Alltagsstress gerade mal einen Kuss auf die Wange hingehaucht bekommt und „tschüss“ sagt, gerade bevor die Tür zuschlägt.

Ah, ich weiß … Albert fragen. Und der fragt seine gefühlt Millionen Facebookkontakte (da sieht man mal, wie alt wir sind, dass Albert noch bei Facebook ist). Aber Lillie will es wirklich wissen und möchte, dass Ihr mir helft, hier Klarheit zu bekommen:

Könnt Ihr Euch an Eure „letzten Male“ erinnern?

Wollt Ihr das überhaupt?

Und was tut Ihr, damit das letzte Mal in Erinnerung bleibt?

Schreibt Albert und mir! Damit dieser Blogeintrag dein gutes Ende nimmt.

Foto: Thorben Wengert  / pixelio.de

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